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Autismus – mehr als nur ein Klischee!

Ein Mensch, der sehr in sich gekehrt wirkt, sich nicht anfassen lässt und kaum mit der Außenwelt kommunizieren kann. Das ist das Bild, das viele Menschen von Autist*innen haben. Aber Autismus ist deutlich vielfältiger. Deshalb wird heute meist der Begriff Autismus-Spektrum-Störung verwendet. Denn Autismus erstreckt sich von geistiger Behinderung und kaum ausgeprägter Sprache bis hin zu Hochbegabung mit voll entwickelter Sprache. Ein Hauptmerkmal sind Auffälligkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation. Aber wie äußert sich die genau? Für Andere wirkt es häufig als ob Autist*innen in ihrer eignen Welt leben: zurückgezogen, schweigsam, wenig Kontaktverhalten. Aber es gibt auch Autist*innen, die distanzlos und eigenartig in ihrem Kontaktverhalten wirken. So reden einige Autist*innen sehr viel und weitschweifig über ihre Interessen und achten dabei wenig auf die Angemessenheit oder Wirkung ihres Verhaltens. Denn ein weiteres Kennzeichen der Autismus-Spektrum-Störung ist ein eingeschränktes, sich wiederholendes Repertoire an Verhaltensmustern, Interessen und Aktivitäten.

Abgesehen von der Klassifikation der Autismus-Spektrum-Störung wird häufig auch zwischen frühkindlichem Autismus und Asperger-Syndrom unterschieden. Beim frühkindlichen Autismus (ca. 0,39%) treten die ersten Anzeichen und Entwicklungsdefizite bereits vor dem dritten Lebensjahr auf. 60 Prozent der betroffenen Kinder sind geistig behindert. Die Entwicklungsdefizite können sehr unterschiedlich sein. Die Bandbreite reicht von sehr spezifischen Einschränkungen im Lernen oder in der Kontrolle von exekutiven Funktionen (z.B. Selbstkontrolle, Handlungsplanung oder Problemlösungsstrategien) bis hin zu umfassenden Beeinträchtigungen der sozialen Fertigkeiten oder Intelligenz.

Dagegen ist für das Asperger-Syndrom (ca. 1%) kennzeichnend, dass sich das Kind mindestens bis zum dritten Lebensjahr normal und ohne Defizite in Sprache, Kognition und Intelligenz entwickelt. Das Asperger-Syndrom entspricht einer hochfunktionellen Autismus-Spektrum-Störung. Betroffene weisen häufig hohe kognitive Fähigkeiten, durchschnittliche bis überdurchschnittliche Intelligenz, großes Fachwissen und hohe Bildungsabschlüsse auf. Auffällig sind sie vor allem durch ihre reduzierte Gestik und Mimik, ihren fehlenden Blickkontakt und ihre Defizite, eine zwanglose Beziehung herzustellen. Autist*innen können nicht intuitiv die Gefühle anderer erfassen und spiegeln. Für Menschen auf dem Autismus-Spektrum sind Strukturen und Rituale sehr wichtig. Also: gleiche Abläufe, gewohnte Umgebungen und vertraute Situationen. Wenn zu viele Eindrücke gleichzeitig einprasseln, kann sie das schnell überfordern. Das führt zu vielen Schwierigkeiten im Alltag, denn dieser erfordert meist eine gewisse Flexibilität und Stressresistenz, an denen es Autist*innen mangelt. Vor allem die Beeinträchtigung des sozialen Verständnisses von Sprache kann zu Missverständnissen führen. Wenn beispielsweise ein Mensch mit Asperger-Syndrom gefragt werden würde: „Wo drückt denn der Schuh?“, würde dieser wahrscheinlich etwas wie: „Wieso? Meine Schuhe sind doch völlig in Ordnung“, antworten. Mit anderen Worten Metaphern, Sarkasmus und Provokationen sind für Autist*innen fast unmöglich herauszuhören.

Aber wie entsteht Autismus eigentlich? Tja, das weiß man leider nicht genau, aber es gibt mittlerweile viele Forschungen und Theorien. Forschende haben herausgefunden, dass vor allem die Genetik die entscheidende Rolle spielt und kaum soziale oder psychische Faktoren. Die genetischen Veränderungen führen zu neurologischen Veränderungen, die sich anscheinend auf die Aufmerksamkeit, die Reizverarbeitung, das Gedächtnis und das Problemlöseverhalten auswirken. Reize, die mehrere Sinne gleichzeitig ansprechen, können nicht miteinander in Beziehung gesetzt und somit nicht adäquat verarbeitet werden. Schwierig ist für sie auch, sich von einzelnen Reizen loszureißen und somit das gesamte Bild zu erkennen. Gleichzeitig haben Autist*innen häufig ungewöhnliche Gedächtnisleistungen und dadurch unter anderem ausgeprägte musikalische oder zeichnerische Begabungen oder die Fähigkeit, sich Daten lange zu merken.
Abschließend möchte ich festhalten, dass Autismus sehr vielseitig ist und jeder Autist und jede Autistin unterschiedlich. Es gibt Autist*innen, die vor allem für sich sind und in ihrer eigenen Welt abgetaucht zu sein scheinen. Es gibt aber auch Menschen, die trotz ihres Autismus soziale Beziehungen suchen und führen und dabei auch gerne umarmt werden und sich mitteilen. Probleme mit sozialen Interaktionen zu haben, heißt nicht unbedingt, keine zu wollen. Gerade Menschen mit Asperger-Syndrom können soziale Interaktion und Kommunikation erlernen. Debatten, die sich mit der Frage beschäftigen, ob es überhaupt richtig ist, bei Autismus von einer Störung zu reden, finde ich sehr wichtig. Ich möchte nicht kleinreden, wie schwer eine solche Diagnose für Betroffene und Angehörige sein kann. Ich habe jedoch den Eindruck, dass diese Schwierigkeiten auch häufig daher rühren, dass Autist*innen einfach nicht besonders gut in unser Gesellschaftskonzept passen. Denn in einer Welt, in der Anpassungsfähigkeit und Flexibilität die wichtigsten Ressourcen auf dem Arbeitsmarkt sind, ist kein Platz für Menschen, die feste Strukturen brauchen und Hilfe, um andere zu verstehen. In einer Klasse mit 30 Schüler*innen und nur einer überforderten Lehrkraft können Entwicklungsdefizite nicht ausgeglichen werden. Für ein überfordertes Kind ist keine Zeit. Dabei kann es auch bereichernd sein, sich mit einer schier endlosen Aufmerksamkeit auf Details konzentrieren zu können und sich nicht von sozialen Beziehungen beeinflussen zu lassen. Aber dafür bräuchte es den Willen, Andersartigkeit zu begrüßen und zu integrieren.

08.06.2021, Melina Schareck (Gastschreiberin - Psychologiestudentin im Master)

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